9. Dezember 2015


Alle Jahre wieder.

Geschwistertrauer in der Weihnachtszeit

von Ines Schulze-Schlüter

18 Jahre ist es jetzt her, dass mein „kleiner“ Bruder Daniel – genannt Dany – von dieser Welt ging. Er war ein knuddeliger Bruder, und ich habe sicher ein Stück Mütterlichkeit an ihm ausgelebt – so als sieben Jahre ältere Schwester.


Wir haben trotz der Behinderung unseres älteren Bruders Bernd eine recht unbeschwerte Kindheit verleben dürfen. Jedoch starb unser Vater sehr früh. Dany war erst elf. Doch dann kam nach der unkomplizierten Kindheit eine etwas längere und schwierige Pubertät. Nach Abi  und 1. Staatsexamen in Jura ging er von Bonn nach Berlin, weil ihm Bonn nicht großstädtisch genug war. 

 

Die Großstadt bekam ihm nicht, und er entwickelte Ängste, Phobien und Depressionen. Mit ärztlicher und therapeutischer Hilfe und zwei Krankenhausaufenthalten konnte ihm nicht genug geholfen werden, und so verließ er – nach 11 Monaten Qual – diese Welt am Freitag, dem 13. Juni 1997.

 Meine Mutter fand ihn und ist einige Jahre später erblindet. Als „große Schwester“ war ich – statt „klassisch“ zu trauern – erst einmal nur entsetzt und dann wütend, dass er es a) überhaupt und b) in unserem Elternhaus und c) getan hat, als meine Mutter allein war. Denn ich war beruflich in Süddeutschland unterwegs gewesen.

Das unglaubliche Trauergefühl, dieser heftige Schmerz, dass mein Bruder nicht mehr da ist, kam dann anschließend – und das mit einer unglaublichen Macht. 

Das Thema „Geschwistertrauer“ war und ist jedoch nicht sehr bekannt; wir hörten immer wieder: „… die arme Mutter …“ Ganz entsetzlich für Eltern, ihr Kind zu verlieren – keine Frage! Dass jedoch die Beziehung zu Geschwistern die längste ist, die wir je im Leben haben – wenn alles gut und richtig läuft –, wird oft gar nicht gesehen.

Und so habe ich mich vier Jahren später der Selbsthilfegruppe „Verwaiste Geschwister“ angeschlossen, die ich inzwischen (nach beruflich bedingten Umzügen der beiden Gründerinnen) leite. 

Den anderen Teilnehmern geht es ganz ähnlich: Sie vermissen, unabhängig von Todeszeitpunkt und -ursache ihre Geschwister – es wäre so viel schöner, gemeinsam durchs Leben zu gehen!

Mein Mann fragt mich oft, was wir da eigentlich machen bei unseren Gruppentreffen. Ob wir viel weinen oder gar „rumheulen“ würden. Er ist halt ein Einzelkind, dem ich dann liebevoll erklärt habe, dass auch Platz für Tränen da sei, dass wir aber auch viel lachen und uns eben erinnern würden an die gemeinsam erlebte Kindheit und – meist – das junge Erwachsenendasein zusammen.


Die Trauer und das Vermissen sind immer wieder präsent, nicht nur zu Geburts- und Todestagen. Es wird erträglicher, die Löcher weniger tief. Aber den Spruch „Zeit heilt alle Wunden“ kann ich schlecht ertragen, denn er stimmt einfach nicht. Es handelt sich eben „nur“  um einen Spruch. 

In der Weihnachtszeit ist es ganz besonders schlimm, weil Weihnachten ja nun mal ein Familienfest ist. Jahrelang – um nicht zu sagen, dass es anderthalb Jahrzehnte waren – haben wir es ganz unweihnachtlich gestaltet. Wir haben als „halbierte Familie“ einfach nur zusammen gesessen und „gefeiert“, dass wir uns noch haben. Kein Baum, kein Weihnachtsschmuck. Es ging einfach nicht. Und wenn mir jemand „besinnliche Weihnachten“ wünscht, bekomme ich die Krise. Wo ist der Sinn, dass eine Familie zur Unzeit von vier auf zwei Personen reduziert wird? Und da soll ich Weihnachten besinnlich werden? Gar feiern?


Nun haben wir aber eine veränderte Situation: Meine Mutter ist wegen ihrer Erblindung und eines schlimmen Unfalls im Winter nun auf mehr Hilfe im Haushalt angewiesen – und dieser Mensch liebt Weihnachten, möchte das ganze Drumherum mit Schmücken des Baumes und allem. Nun gut, wir werden es versuchen – ich werde berichten.


Allen Eltern, Großeltern und Geschwistern, allen Angehörigen und Freunden, allen Verwaisten und Trauernden wünsche ich eine gute Weihnachtszeit und einen gelungenen Jahresübergang in ein hoffentlich schönes 2016!

Ines Schulze-Schlüter lebt und arbeitet in Köln. Sie engagiert sich für die Wahrnehmung von Trauer bei Geschwistern und leitet die Selbsthilfegruppe "Verwaiste Geschwister".

 

Sie trägt seit der ersten Aktion Lichtpunkt 2012 ihren Lichtpunkt für ihren Bruder Dany.

 

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Ines für ihre Teilhabe, ihr außerordentliches Engagement und ihre Empfindungen und Gedanken in diesem Text!


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Kommentare: 7
  • #1

    Ellen Ptok (Mittwoch, 09 Dezember 2015 14:53)

    Liebe Ines, eines kann ich nicht nachfühlen, den Schmerz um ein Geschwisterkind. Denn ich habe meine Schwester ja noch. Aber was ich sehr gut nachvollziehen kann, das ist dieses Gefühl, dass ja schließlich nur andere das Recht auf Trauer haben. Als meine Mutter starb, war mein Pa derjenige, der betüddelt wurde, weil er ja seine Frau verloren hatte. Das hat er auch so gesehen. Ich weiß, er war alt, krank und fühlte sich ohne meine Mutter vollständig alleine. Aber ich hätte mir gewünscht, dass er mich ein einziges Mal in den Arm genommen hätte und verstanden hätte, wie schwer ich meine Mutter vermisst habe. Trauer tötet oft Verständnis und Gefühle. Ich finde es gut, welche Arbeit Sie leisten. Das ist es, was man dringend braucht.....Arme, die einen umfangen und Ohren, die einem zuhören.
    Passen Sie gut auf sich auf.

  • #2

    Sascha (Donnerstag, 10 Dezember 2015 00:18)

    Liebe Ines! Vielen Dank dafür, dass du mit uns deine Gefühle und deine Geschichte teilst. Das ist wirklich eine ganz besondere Geschwistersituation in der du und andere verwaiste Geschwister stecken. Es ist toll, dass du dich so engagierst. Das ist bestimmt nicht nur für dich eine große Hilfe! LG

  • #3

    ines (Donnerstag, 10 Dezember 2015 00:23)

    danke an ellen ptok und an sascha - für euer einfühlungsvermögen!!

  • #4

    Carina (Donnerstag, 10 Dezember 2015 06:41)

    Hallo,
    Diese Worte sprechen mir aus dem Herzen. Für uns ist es das dritte Weihnachten ohne meine kleine Schwester. Ich erwische mich immer noch wenn ich über etwas stolpere dass ihr gefallen hätte, dass ich es gern kaufen würde und ihr unter den Baum legen würde. Und dann kommt oft eine Welle von ohnmächtiger Wut weil alles was ich ihr schenken kann ja docj "nur" deko für ihr Grab ist...
    Ich habe drei Kinder, weshalb bei uns immer weihnachtlich geschmückt ist. Ich habe eine kleine gedenk-ecke auf meinem wohnzimmerschrank für meine Schwester errichtet, und auch da saisonal dekoriert... so habe ich wenigstens ein kleines bisschen das Gefühl dass sie mit uns die Feiertage verbringt....
    Alles liebe carina

  • #5

    ines (Donnerstag, 10 Dezember 2015)

    hallo carina,
    dieses gefühl von ohnmächtiger wut kenne ich auch. und dass es noch jahre dauert, bis du nicht mehr denkst, etwas für sie unter den baum legen zu wollen, kann ich dir jetzt schon attestieren .... :-( !
    bei mir dauerte es jedenfalls mehr als drei jahre, bis ich, wenn mein mann sich von einem hemd oder schuhen trennen wollte, NICHT MEHR dachte: schenk's doch dany ....
    deine weihnachts-deko finde ich so sehr schön und deine gedenk-ecke deiner schwester "würdig".
    alles liebe und viel kraft! ines

  • #6

    Elke Sonnenberg (Donnerstag, 10 Dezember 2015 13:16)

    Meine allerliebste Ines,
    was für ein schöner, einfühlsamer Brief, dessen Worte ich auch nach so vielen Jahren aktiver Trauerarbeit (auch mit Dir gemeinsam) genauso fühle. Auch wenn mich das Schicksal endlich in den geliebten Norden gebracht hat, sind meine verstorbenen Brüder täglich allgegenwärtig, mal mit wunderschönen Erinnerungen und auch mit traurigen Momenten, die ich gut aushalten kann und will.
    Meine Grüße gehen an Euch alle nach Kölle, vor allem in die Selbsthilfegruppe, an der ich viele Jahre teilnehmen durfte. Ich schicke Euch die Engel und wünschen jedem Einzelnen ein Weihnachtsfest, ganz nach individuellen Geschmack und Bedürfnissen. Ganz dicke Umarmung aus Kiel.

  • #7

    ines (Mittwoch, 23 Dezember 2015 17:27)

    och, meine liebe elke,
    das sehe ich ja erst heute .... DANKE!

    dein "aushalten können UND wollen" klingen gut und deine umarmungen und engel nehme ich gern an und gebe ein paar weiter an die truppe .... wenn dies auch erst im nächsten jahr.

    dicke drückung aus deiner alten (zeitweisen) heimat von deiner ines