14. Dezember 2014


Meine Kinder geben mir die Kraft, optimistisch nach vorn zu schauen

von Kerstin Krauße

(Interview zum Thema "Abschied")

 

Teil 1: Ich schrie nach meinen Kindern, doch der Film nahm kein Ende

Ich befand mich auf einem Straßenfest, mitten bei den Vorbereitungen für den Kuchenstand des Kindergartens, als die Sirene im Ort ging. Die Freiwillige Feuerwehr hatte ihren Stand direkt neben unserem und beim Ertönen des Signals herrschte Panik. Ziemlich schnell erfuhr ich von dem Brand unseres Hauses. Ich dachte, es muss ein Irrtum sein. Ich war doch eben noch im Haus?! Es war doch alles in Ordnung?! Eine Freundin forderte mich auf mitzukommen und wir fuhren Richtung unseres Hauses. Schon von weitem konnte ich den aufsteigenden Rauch sehen und ab da wusste ich, hier passiert gerade etwas ganz, ganz Schreckliches. ..

Foto: Roberto Ferrari, Wikimedia
Foto: Roberto Ferrari, Wikimedia

Überall waren Einsatzkräfte, das Haus stand in Flammen, es knallte und krachte. Ich wollte ins Haus, wurde aber aufgehalten. Ich schrie nach meinen Kindern. Ich wusste, sie sind im Haus, auch wenn sie vorhin noch nicht da waren, als ich das Haus verließ. Denn sie verbrachten das Wochenende bei meinem Mann, von dem ich mich eine Woche zuvor getrennt hatte. Ich wusste, sie sind alle in dem Haus, denn das Auto meines Mannes stand davor...

 


Es fielen Worte wie Selbstmord, Tod, Hubschrauber, Wiederbelebung… Ich konnte das alles nicht begreifen. Der Film nahm kein Ende, ich stand neben mir. Ein Arzt kümmerte sich um mich und nach einiger Zeit wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Ich wusste nicht, was mit meinen Kindern ist. Meinen Mann hatte ich kurz gesehen, als sie ihn bewusstlos in einen Krankenwagen brachten. 


Im Krankenhaus erfuhr ich sehr lange nichts. Es kam ein Seelsorger, doch ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte doch einfach nur wissen, was mit meinen Kindern ist! Zum Glück war meine allerliebste Schwester bei mir…


Gegen Abend bekam ich die Information, dass mein Mann in einer Spezialklinik liege und die Kinder ebenfalls versorgt würden. Dies war jedoch eine Fehlinformation. Meine Tochter, 3 Jahre alt, zuckersüß und voller Lebensfreude, wurde am späten Nachmittag tot im Haus aufgefunden. Mein Sohn, 6 Jahre alt, wurde nach Reanimation ins Krankenhaus gebracht, aber die Diagnose Hirntod ließ nicht lange auf sich warten. Mein Mann lag tatsächlich in besagter Spezialklinik.

Da ich auf keinen Fall in der Klinik bleiben wollte, bin ich zunächst bei meinen Eltern untergekommen. Ich kann mich kaum noch an das Drumherum erinnern. Es ist alles verschwommen. Die Ereignisse haben sich so sehr überschlagen, es war einfach zu viel. Ich war im Kreise meiner Familie (Eltern, Schwester, Schwager). Ich war und bin einfach nur froh, eine so tolle, liebe und unterstützende Familie zu haben!

Die nächsten drei Tage fuhren wir immer zu meinem Sohn ins Krankenhaus. Äußerlich konnte man, bis auf einen Verband am Hals, keine Verletzungen ausmachen. Er lag da, ganz friedlich. Als schliefe er. Ich redete mit ihm, ich kuschelte mit ihm. Ich brachte ihm ein kleines Auto mit. Ich sagte ihm, wie sehr ich ihn liebe, wie stolz ich auf ihn bin und bat ihn,  auf seine kleine Schwester aufzupassen. Ich hab ihm gesagt, dass ich weiß, dass er stark ist. Dass er ein wunderbarer Junge ist. Ich wusste, dass es keine Hoffnung gab. Dennoch war die Nachricht der Ärzte ein weiterer Schlag. Die Geräte sollten abgestellt werden. Ich sollte nun auch noch meinen so geliebten Sohn gehen lassen. Warum nur?


 
Die Ärzte baten mich in einen Extraraum. Meine Eltern waren dabei. Sie sprachen mit mir. Trösteten mich. Waren wirklich lieb. Dann kam die Frage auf, ob ich bereit wäre die Organe meines Sohnes freizugeben. Ich zögerte gar nicht lang und willigte ein. Bis auf die Augen! Die Augen sollten ihm bleiben. Die aller schönsten Augen, die ich je gesehen hab!

So hatte ich in kürzester Zeit meinen kompletten Lebensinhalt verloren. Meine geliebten Kinder, mein Ein & Alles. 

Zu diesem Zeitpunkt wussten wir bereits, dass mein Mann den Brand vorsätzlich gelegt hat und sich und die Kinder töten wollte. Allerdings ist er selber noch aus dem Fenster gesprungen. Meine Tochter hat er zuvor mit Alkohol betäubt, meinem Sohn die Luftröhre durchgeschnitten. 


Anzeichen für die Tat gab es keine. Natürlich mache ich mir Gedanken, ob ich das Drama hätte verhindern können. Ich mache mir Vorwürfe, weil meine Trennungsabsichten wahrscheinlich zu der Tat geführt haben. Aber absehbar war es nicht!

Teil 2: Absolute Leere

Nach der Nachricht über den Tod meiner Tochter war mein erster Gedanke: Das ist nicht fair. Sie hatte sich so sehr auf ihren Geburtstag gefreut und sie hatte sich immer lange Haare gewünscht. Warum darf sie das nicht erleben?! Natürlich war die Hoffnung, dass alles nur ein böser Traum ist, sehr groß. Aber ich wurde in den folgenden Tagen eines besseren belehrt. Jedes Aufwachen war wie ein Hammerschlag.


Ich konnte meine Tochter nicht noch einmal sehen. Aufgrund der Schwere der Verbrennungen hat man mir davon abgeraten. Und ich bin auch froh darum, denn ich hätte den schrecklichen Anblick nie wieder vergessen können. So bleibt meine Maus mit ihren schönen roten Haaren und dem strahlenden Lachen mir so in Erinnerung, wie sie war! Voller Energie und Lebensfreude!


Von meinem Sohn konnte ich verabschieden. Und ich bin davon überzeugt, dass er mich hören konnte. Es tut gut, dass ich ihm sagen konnte, was ich fühle. Dass ich ihm sagen konnte, was für ein toller Junge er ist. Wie stolz ich bin und wie sehr ich ihn liebe. Abschiednehmen ist so wichtig. Ich merke immer wieder, wie sehr mir das bei meiner Tochter fehlt…

In diesen Momenten war hauptsächlich meine Familie für mich da. Unser Pastor war ständiger Ansprechpartner, ebenso wurde uns eine Seelsorgerin an die Seite gestellt. 


Eine große Leere war spürbar in der ersten Zeit nach dem Tod. Wir weinten unentwegt. Das Geschehene zu begreifen, war einfach unmöglich. Es war wie im Traum. Ein schlimmer Traum. Der allerschlimmste Traum. Ich erinnere mich nur sehr schwer an diese erste Zeit. Wahrscheinlich war ich im Schockzustand. So, wie alle um mich herum auch!



Geholfen hat mir einzig und allein der Familienzusammenhalt. Die Wärme und Geborgenheit. Und meine Freunde. Und sicherlich auch die Ablenkung durch die vielen Dinge, die erledigt werden mussten.

Teil 3: Sonnenstrahlen fielen durch die Bäume und ließen mich das Leben spüren 

Die Versorgung der Kinder hat komplett der Bestatter übernommen. Er hat sogar für meinen Sohn neue Kleidung besorgt, da ich ja keine mehr hatte… Die ersten Schritte wurden von meinen Eltern, meiner Schwester, meiner Anwältin und einem Betreuer des Weißen Rings unternommen.

Die Urnen habe ich gemeinsam mit meiner Mutter ausgesucht. Die Auswahl selber, fand ich nicht so wichtig. Die Urnen sind weiß mit Blumen. Sehr schön. Die Gestaltung der Trauerfeier haben wir im Prinzip gemeinsam mit dem Pastor und dem Bestatter übernommen. Ich war für die Musik bei der Trauerfeier zuständig. Ich liebe Musik und es lag mir sehr am Herzen. Ebenso hat der Posaunenchor, in dem ich auch selber spiele, die Trauerfeier begleitet. 
Die Trauerfeier war zwei Wochen nach dem Brand. Am 28.09.2013. Sie fand morgens um 10 Uhr im Friedwald statt. Ich habe mich für den Friedwald entschieden, weil er so eine Ruhe ausstrahlt. Der Wald ist ein schöner Ort, um sich fallen zu lassen. Man wird nicht so beobachtet wie auf dem Friedhof. Die Natur ist so schön. UND: Die Kinder liebten den Wald! Somit ist der Friedwald im Nachbarort einfach nur schön!



Die Trauerfeier fand an einem großen Stein mitten im Wald statt. Der Stein war geschmückt mit Blumen, Engeln und einem großen Bild meiner Kinder. Der Pastor sprach sehr schön – er war sehr berührt… Wir haben mittlerweile ein sehr inniges Verhältnis. Danach wurden die Urnen in den Wald getragen und bei Posaunenchorklängen in die Erde gelassen. Alle konnten sich verabschieden und auch Kleinigkeiten mit in die Erde geben (natürliche Materialien waren Voraussetzung). Hinterher trafen wir uns alle gemeinsam noch zum Kaffee und Kuchen, Brötchen. Begleitet wurde die Trauerfeier aufgrund der Umstände von der Polizei, denn wir wollten keine Presse vor Ort haben.

Ich würde an der Trauerfeier nichts ändern wollen. Sie war so schön, sogar das Wetter war super. Die Sonnenstrahlen fielen durch die Bäume und ließen mich das Leben spüren. Ich bin noch immer davon überzeugt, dass die Trauerfeier „schön“ war. Und dass der Ort absolut richtig für meine Mäuse ist. Immer wieder empfinde ich beim Besuch des Waldes diese Ruhe. 


Besonders schmerzlich bei der ganzen Organisation war die Vorstellung meiner Kinder im Sarg (zur Überführung). Das ist kein Platz für ein Kind. Schon gar nicht für meine lustigen, lauten Kinder… Es war schwer hier eine Verbindung zu knüpfen und somit zu realisieren, dass diese ganze Organisation meine Kinder betrifft. Meine Mäuse, Engel, Schätze... Aber es fiel mir nicht schwer, Entscheidungen bezüglich der Organisation zu machen. Ich wusste genau, dass meine Mäuse es bunt liebten. Und laut. Und Musik. Und ich wusste auch, wer alles anwesend sein sollte. 


Die Vorstellung, die Urnen meiner Kinder zuhause zu haben widerstrebt mir. Ich habe lieber die Bilder meiner Kinder vor Augen. Lachende Gesichter, so wie sie immer waren. Fröhlich und glücklich. Die Urnen wären ein Sinnbild des Todes, des Schicksals, welches mich sowieso ständig wieder einholt. Und die Vorstellung, die Asche der Kinder darin zu haben, finde ich sehr merkwürdig. Ich weiß, dass meine Mäuse immer bei mir sind. Ich spüre sie. Das hilft mir viel mehr!!!

Teil 4: Die tiefe Trauer gehört nun zu mir, doch das Leben ist lebenswert

Kurz nach der Trauerfeier waren wir alle zusammen beim Kaffee trinken. Wir haben uns unterhalten, in den Armen gelegen, aber auch gelacht. Mein Umfeld war sehr offen und herzlich. Die unmittelbar Betroffenen gehen natürlich ein Stück weit offener damit um. Bekannte haben sich oft schwer getan. Aber da ich offen auf die Leute zugehe und ihnen auch sage, dass ich keine Worte erwarte und eine Umarmung oft mehr wert ist, fiel es ihnen dann auch leichter. Noch immer gibt es viele Leute, die nicht wissen, wie sie sich in meiner Gegenwart verhalten sollen. Aber ich denke, dadurch, dass ich zeige, dass ich noch immer sehr lebensfroh bin, merken sie, dass sie sich gar nicht anders verhalten müssen als sonst. 

Das schrecklichste Gefühl: Leere!!! Keine Aussicht!!! Keine Pläne!!! Keine lachenden Kinder, keine wärmenden Kinderhände, keine süßen Mäuse, die sich nachts ins Bett kuscheln. Keine bedingungslose und dankbare Liebe…



Die Aussichtslosigkeit und die Leere sowie die Situation der Pläne hat sich geändert. Die anderen Gefühle werden sich niemals verlieren. Sie werden bleiben. Und das ist gut so, denn so weiß ich, ich habe als Mutter alles richtig gemacht. Ich habe meine Kinder bedingungslos geliebt und sie mich. Der Prozess der Trauer und der Verarbeitung wird mein Leben lang anhalten. Mir wird jeden Tag ein Stückchen mehr bewusst, was genau passiert ist. Meine Kinder sind bei mir, ständig und überall. Nachts träume ich sehr viel von ihnen. Wir lachen, haben Spaß, können uns in den Arm nehmen… Sie geben mir Kraft. Jeden Tag aufs Neue. Ich spüre sie immer in meiner Nähe. Und dafür bin ich unendlich dankbar!


Am allermeisten quält mich der Gedanke, nicht bei ihnen gewesen zu sein. Sie waren allein mit ihrer Angst, Panik, dem Schmerz. Und ich konnte sie nicht trösten. Dieser Gedanke ist so schmerzhaft, er tut sehr, sehr weh. 


Und trotz diesem – meinem – Schicksal, sehe ich optimistisch nach vorn.




Ich habe die allerbeste Familie, die allerbesten Freunde. Ohne sie wäre das letzte Jahr nicht so verlaufen, wie es war. Die tiefe Trauer gehört nun zu mir. Jedoch ist die große Leere, die ich zu Beginn gespürt habe, weniger geworden. Es gibt Tage, da gelingt mir nichts und ich möchte einfach nur Schreien und endlich eine Antwort auf diese große Ungerechtigkeit haben. Dann gibt es aber auch wieder wunderschöne Tage. Tage, an denen ich spüre, wie lebenswert das Leben ist. Tage, an denen ich lache und sorglos über alles sprechen kann und mit einem Lächeln an das Erlebte mit den Mäusen denken kann. 

Ich denke, ich habe mich im letzten Jahr sehr verändert. Mein Bewusstsein beschränkt sich auf andere Dinge im Leben. Ich liebe die Natur, ich hinterfrage mehr, ich versuche, andere Menschen mehr zu verstehen. Ich bin dankbar, dass ich trotz allem noch immer gern Kinder um mich habe. Und das ist fast täglich der Fall. Und das ist schön. Kinder sind offen. Sie fragen auch nach meinen Engeln oder erzählen von ihnen. Auch wenn es oft schwer ist, so erfüllt es mich auch mit Freude zu wissen, wie sehr sie geliebt werden und was für wunderbare Spuren sie in den Herzen vieler hinterlassen haben.


Das Leben allein war anfangs sehr schwer. Jeden Morgen aufs Neue zu spüren, dass es kein Traum war. Dass ich wirklich allein bin und meine Mäuse nicht mehr neben mir im Bett liegen. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, ich spreche mit den beiden, wann immer mir danach ist. Ich habe sehr lang ein Tagebuch geführt, das mir half, alles zu verarbeiten. Ich mache eine Traumatherapie in der Ambulanz und habe auch schon eine Reha hinter mir. Ich werde immer, immer damit leben müssen. Aber der erste Schritt ist wohl gemacht. Ich habe den großen und schweren Verlust akzeptiert. Ich habe akzeptiert, dass es ihn gab und dass ich es nicht mehr ändern kann. Ich weiß, wie sehr ich meine Kinder liebe – und sie das auch wissen. Der Gedanke beruhigt mich sehr. 



Ich bin gern allein, wenn ich traurig bin. Dann kann ich mich fallen lassen. Muss keine Rücksicht auf andere nehmen. Ich weine aber auch gern mit anderen zusammen. Eine Eigenschaft, die wir hier alle erst einmal lernen mussten. Wir wachsen immer mehr zusammen. Wir sind eine Einheit. Wir verstehen und oftmals ohne Worte. Familie, Freunde – ich bin so unendlich dankbar, sie zu haben.


Ich finde es schön, wie viel positive Menschen ich kennenlernen durfte, die mir wirklich alle Kraft der Welt wünschen und die für mich da waren und die mir Hilfe angeboten haben in der ersten Zeit. Und dass ich auch nach wie vor immer noch Unterstützung bekomme – das macht mich manchmal echt sprachlos.

Ich musste aber auch feststellen, dass es vielen Menschen sehr schwer fällt, auf mich zuzugehen. Ich denke, dass die Leute Angst haben, die passenden Worte zu finden oder davor, wirklich etwas Falsches zu sagen und mich irgendwo traurig zu machen. Oft habe ich schon einfach selber die Initiative ergriffen und bin auf die Leute zugegangen. Ich habe sie einfach in den Arm genommen, wir haben einfach mal gar nichts gesagt. Oder ich sage dann   'Du brauchst nichts sagen, es ist alles okay'. Die Leute sind da echt dankbar für und ich bin es in dem Moment auch, die Kraft zu haben, das zu tun. Ich denke, dass ich auf diese Art und Weise den Umgang für uns alle leichter mache. 


Dann wiederum gibt es auch Menschen, die mit dem Leben, was ich jetzt führe nicht zurecht kommen oder die mich lieber in einer anderen Rolle sehen würden. Ich habe zum Beispiel an Festen hier im Ort teilgenommen und habe Spaß gehabt und gelacht. Auch spiele ich weiter Trompete im Posaunenchor und das habe ich schon zwei Wochen nach der Beerdigung wieder getan. Und damit kommen viele Menschen einfach nicht zurecht und das macht mich ein bisschen traurig. Vielleicht macht es den Anschein, dass mir das alles sehr leicht fällt, doch ich muss ja irgendwie klar kommen. Dadurch dass die Menschen sich davor so verschließen oder mit dem nicht einverstanden sind, wie ich das mache, wird es mir nicht leicht gemacht und das finde ich sehr schade. Sie wissen halt nicht, wie es mir wirklich geht.

Vielleicht würden sie besser damit zurecht kommen, wenn ich schwarz tragen würde und sie  daran sehen könnten, dass ich trauere, dass ich das Haus nicht verlasse oder einfach nur traurig durch die Gegend laufe. Aber das möchte ich für mich nicht! Ich muss und möchte ja weiter kommen und ich habe auch Spaß am Leben und das ist auch gut so! Aber dadurch, dass andere das nicht so gerne sehen oder sich dazu äußern – natürlich nicht mir gegenüber, sondern hinter meinem Rücken – das macht es mir echt schwer. Das finde ich schade. 


Ich wünsche mir mehr Offenheit. Ich weiß, dass das schwer ist, auf jeden Fall. Wenn ich jetzt auf jemanden zugehen müsste, der so was erfahren musste, ich glaub, ich würde mich da auch sehr schwer tun. Aber es wäre wirklich schön, wenn die Leute offener wären, und zwar für jegliche Gefühle, die da entstehen. Es ist ja nicht immer nur Trauer, es ist auch Verzweiflung, die man manchmal hat. Es wird so viel verschwiegen, es wird unter den Tisch gekehrt. Keiner traut sich etwas zu sagen, sicherlich aus Angst, auch aus Respekt, aber ich denke, den Betroffenen oder mir hätte es teilweise wirklich weitergeholfen, wenn die Leute einfach gefragt hätten 'Wie geht es Dir?' Wenn dann die Leute jedoch einem lieber aus dem Weg gehen, dann ist das schon schade. Und man kommt sich so aussätzig vor, obwohl man selber ja nichts gemacht hat und wünscht sich dann einfach nur mehr Toleranz...

Ich würde mir noch wünschen, dass man uns einfach so trauern lässt, wie es uns gut tut und man nicht in ein gewisses Schema gesteckt wird. Ich glaube, man kann Trauer nicht nach Schema F bestreiten. Es wird jeder unterschiedlich trauern. Viele denken nach einem Jahr Trauer, jetzt muss es wieder mal gut sein. Man müsste doch mal wieder zum Alltäglichen kommen und alles vergessen. Oder wie schon erwähnt, dass Andere denken, wenn man weiterhin Spaß am Leben hat, dann läuft da auch irgendwas verkehrt. Aber ich denke, es ist ganz wichtig, dass jeder Trauernde seinen Weg für sich findet und damit zurecht kommt. Es wäre schön, wenn die Toleranz da wäre, dass das einfach so akzeptiert wird dass man den Trauernden ihre Trauer lässt. 


Mir hilft der Gedanke, dass ich meine Kinder irgendwann wiedersehe. Wir werden alles nachholen. Sie warten auf mich. Sie begleiten mich. Sie zeigen mir meinen Weg. Sie wissen, was mein Schicksal noch mit mir vorhat und ich vertraue ihnen, dass es gut sein wird. Ich liebe sie so unendlich!

„U know that place between sleep and awake;

that place where you can still remember dreaming?

That’s where I will always love you. That’s where I will be waiting.“ 

- Peter Pan -

Kerstin Krauße ist 32 Jahre alt. Der Verlust ihrer Kinder ist noch ganz frisch - denn was ist ein Jahr? Trauer braucht ihre Zeit, und vergehen wird diese Trauer nie. Diese Zeit wünscht sie sich. Wir bedanken uns bei Kerstin Krauße für dieses Erfahrungsinterview und wünschen ihr von Herzen, dass sie die Kraft  bekommt, die sie für ein zukünftiges Leben  MIT dieser Trauer braucht.


Fehlt Ihnen ein Zeichen zur Anteilnahme? Tragen Sie Ihren Lichtpunkt. Setzen Sie Ihr Zeichen!

Kommentar schreiben

Kommentare: 8
  • #1

    Silja (Sonntag, 14 Dezember 2014 20:58)

    Liebe Kerstin,
    Ich danke dir sehr fuer diesen Beitrag auch wenn er mich sehr zum weinen bringt. Ich kenne euch nicht persoenlich, aber euer Schiksal geht mir so nah. Ich konnte 1 Woche nicht schlafen nachdem ich an eurem Haus vorbei gefahren bin.
    Ich frage mich immer wieder wie eine Mutter sowas aushalten kann. Ich wuensche dir von Herzen alles Gute und fuer deine beiden Engel auch. Ich wuensche ihnen den schoensten Spielplatz im Himmel.
    Alles Liebe!

  • #2

    susanne (Sonntag, 14 Dezember 2014 22:39)

    Liebe Kerstin,
    Du bist der stärkste Mensch den ich kenne. Du hast recht, das das leben nicht stehen bleibt. Ich wünsche dir weiter viel kraft und trauer so wie es gut für dich ist.Und den anderen wünsche ich mehr Toleranz. Denn du hadt den Schmerz und nicht sie.Deine Engel warten auf dich und werden dich immer begleiten.
    Fühl dich
    gedrückt
    alles liebe Susanne

  • #3

    marina kratzien (Montag, 15 Dezember 2014 09:13)

    Liebe Kerstin
    Es ist sehr traurig was dir widerfahren ist . Wir waren geschockt und konnten es garniert glauben , was da passierte . Ich finde es sehr gut, das du dir alles von der Seele geredet hast . Es nimmt einen ein Stück Last und tut der Seele gut . Wir haben auch 2006 ein geliebtes Enkelkind verloren und wir haben sehr viel darüber gesprochen . So haben wir getrauert . Er wird immer ein teil von uns bleiben . Du bist eine sehr starke Frau und ich wünsche Dir ganz viel Kraft gerade in der jetzigen Zeit .

  • #4

    Elke (Montag, 15 Dezember 2014 15:50)

    Liebe Kerstin, ich finde keine Worte. Obwohl wir nur zwei Orte auseinander Leben kenne ich dich leider nicht. Was dir, deiner Familie und deinen Kindern angetan wurde kann man nicht begreifen. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute und das du Schritt für Schritt wieder ins Leben zurück findest. Fühle dich ganz fest gedrückt, ich werde dein Schicksal niemals vergessen. Ganz lieben Gruß Elke

  • #5

    Anica (Montag, 15 Dezember 2014 23:32)

    Das ist wunderschön geschrieben,mir sind die Tränen gelaufen.Deiner Einstellung ist nichts einzuwenden,mach weiter so,ich wünsche dir und deiner Familie von ganzen Herzen,weiterhin ganz viel Kraft!

  • #6

    Kerstin (Freitag, 19 Dezember 2014 20:10)

    Liebe Kerstin,
    ich ziehe den Hut vor Dir und all Deiner Kraft. Mach genauso weiter, nur Du allein kannst einen Weg finden, Deinen Weg!! Ich wünsche Dir von Herzen weiterhin diesen Mut und diese Kraft.

  • #7

    Anne (Freitag, 02 Januar 2015 12:14)

    Hallo Kerstin,
    eigentlich wollte ich Dir schon lange schreiben, aber ich fand keine Worte.... Wir wohnen gegenüber und sehen uns öfter, aber das Furchtbare, Unbegreifliche, was Deinen Kindern geschehen ist und damit auch Dir und Deiner Familie, ist auch für uns, Enrico und mich, immer noch präsent wie am Tag als es geschah. Ich bin selber vierfache Mutter. Meine Kinder sind groß, es geht ihnen gut. Sie haben Lebenspartner und uns Enkelkinder geschenkt. Sie haben Pläne für die Zukunft, genießen ihr Glück, bauen Häuser für ihre Familien.....ich liebe meine Kinder und bin froh, daß es ihnen gut geht und dann sehe ich Dich.
    Es verging kein Tag seit diesem 15. September, an dem ich nicht an Euch gedacht habe. Ich bin Mutter und Großmutter und ich spüre den Schmerz Deines Verlustes.
    Warum ich Dir jetzt doch schreibe?
    Am Sylvesterabend sahen wir wie schon so oft dem Feuerwek zu. Da stiegen plötzlich bei all dem Krach und den bunten Lichtern zei kleine Ballons ganz langsam und leise in den Himmel. Sie hatten ein gleichmäßig strahlendes Licht und schienen umeinander zu tanzen. Ich konnte meinen Blick nicht davon abwenden und alles um mich herum verblasste. Ich dachte nur noch an Lloyd und Enya und an Dich.
    ... päter erfuhr ich von Nachbarn, daß Du diese Lichter für Deine Kinder in den Himmel geschickt hast. Ist das nicht seltsam?????
    Wir wünschen Dir und deiner Familie ein gutes neues Jahr und viele weitere!

  • #8

    Chris (Montag, 23 November 2015 08:14)

    Liebe Kerstin,
    ich wünsch dir ganz viele, liebe Menschen die deine Trauer mittragen und dich trösten.

    In liebevoller Verbundheit