09. Dezember 2016


Das Zimmer meines Kindes: MAX

von Nadja Salzberg

31. August 2008. Es ist abends, zwei Kripobeamtinnen teilen uns mit, dass du nie wieder nach Hause kommen wirst. Du hast dich für einen anderen Weg entschieden …

Nun sind nur noch Paula, deine Schwester, und ich, deine Mutter, hier.

 

Wie geht es jetzt weiter? Max, du fehlst. 

Sehr schnell ist klar, dass Paula nicht mehr in der Wohnung leben möchte, aus deren Fenster du gesprungen bist. Ein paar Tage nach deinem Tod geht Paula zu ihrem Freund. Ich fühle mich zweigeteilt. Ich kann nicht in der alten Wohnung leben und auch nicht ohne sie. Ich mag die Wohnung nicht mehr verlassen, bin ich aber in ihr, bekomme ich keine Luft. Die ersten Tage öffne ich immer wieder die Tür zu deinem Zimmer. Es ist leer und wirkt kalt. Ich kann mich nicht lange in ihm aufhalten. 

Einen Tag nach deiner Beerdigung beginnen wir mit der Suche und zwei Tage später finden wir sie, unsere neue Wohnung. Es muss auch alles sehr schnell gehen, denn schon vier Tage, nachdem ich den Mietvertrag unterschreibe, werde ich nach Kanada fliegen. Ich hatte schon lange einen Urlaub bei Wirthi, meinem Freund, geplant, der dort seit drei Monaten lebt. Er kommt auch sofort nach Deutschland, als er von deinem Tod erfährt, um mir zur Seite zu stehen. Doch auch wenn an einen Urlaub jetzt nicht mehr zu denken ist, ändern wir nichts an den ursprünglichen Plänen. Wir werden gemeinsam zu ihm nach Kanada fliegen, in der Hoffnung, dort irgendwie zur Ruhe zu kommen. 

Noch vor dem Abflug räume ich deine Sachen zusammen. Einige Klamotten behalte ich, die andern gehen in blaue Säcke, aber entsorgen werde ich sie nicht. Das übernimmt eine Freundin von mir. Ich mag auch nicht wissen, wohin sie gebracht werden. Sie sollen gespendet werden. Noch heute weiß ich nicht wohin, und das ist auch gut so.

Bücher von Max
Bücher von Max

Wirthi baut dein Hochbett ab. Innerhalb kurzer Zeit wird aus deinem Zimmer eine Baustelle, eine sehr ruhige, denn Krach kann ich nicht ertragen, die Leere und Stille aber auch nicht. Deine Bücher packe ich vorsichtig in Kartons, sie ziehen mit uns in die neue Wohnung. Auch ein paar persönliche Unterlagen von dir behalte ich. Es sind nicht viele, aber nicht die Menge ist wichtig. Ich halte jedes einzelne noch so kleine Teilchen von dir  in meinen Händen und überlege, ob ich es behalte oder nicht – damals war das für mich wichtig. Heute bist du in meinem Herzen fest verankert. Doch ich freue mich, dass ich ein paar Dinge von dir behalten habe. Zum Leben, zum Überleben, sind sie für mich nicht mehr wichtig, auch wenn sie das für eine gewisse Zeit waren. 

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland beginnen wir mit dem Packen. Da wir den Großteil deiner Möbel nicht mitnehmen werden, wird dein Zimmer einen Tag vor dem Umzug „entrümpelt“. Ich ertrage das nicht und bitte eine Freundin in unserer Wohnung zu sein, wenn die Möbelpacker deine Sachen hinaustragen. Als ich an dem Abend heimkomme, empfängt mich eine eiskalte, leere Wohnung, die unheimlich ist. 

Nadjas Schatzkiste mit der verbliebenen dinglichen Welt von MAX
Nadjas Schatzkiste mit der verbliebenen dinglichen Welt von MAX

Einen Tag später ziehen Paula und ich in unsere neue Wohnung. Ein Bild von dir stellen wir im Wohnzimmer zusammen mit einigen Kerzen auf. All die wichtigen, kleinen Dinge bekommen im Flur einen Platz. Ein eigenes Zimmer bekommst du nicht mehr. Das ist auch nicht nötig, irgendwie bist du ja in jedem unserer Zimmer. Ob es nun deine Tasse ist, die im Küchenschrank steht oder dein langer Zopf, der damals einer Leonardo DiCaprio Frisur weichen musste und nun im Flur hängt, oder dein T-Shirt, das ordentlich in meinem Schrank liegt ...

Heute lebe auch ich in Kanada. Deine Bücher sind mit mir gekommen. Sie stehen in meinem Schlafzimmer, von meinem Bett aus kann ich sie sehen. In einer Schatztruhe, die Wirthi mir gebaut hat, liegen alle meine Schätze von dir. Wenn ich sie öffne, dann schaue ich immer direkt in deine Augen oder schaust du direkt in meine Augen? Schauen wir uns an? 

Wo auch immer du jetzt bist, was auch immer du tust, ich wünsche dir von Herzen die Ruhe und Zufriedenheit, die du auf Erden nicht fandest, die ich dir nicht geben konnte. Ich habe dich unendlich lieb.

 

Deine Mama

 

Nadja Salzberg lebt in Kanada.  

Liebe Nadja,

wir bedanken uns von Herzen für Deinen Erfahrungsbeitrag, der einen sehr klaren Umgang und gehbaren Weg aufzeigt. Er wird vielen Menschen ein Anhaltspunkt sein.

Und das ist unheimlich wichtig. 

Wie man sich zum Schluss entscheidet, welche Weg man geht, bleibt eine persönliche Entscheidung/Erfahrung. Doch es ist von großem Wert, zu lesen, wie es gehen kann.

VIELEN DANK dafür!

 

Dir wünschen wir alles LIEBE in Kanada und allen Orten, an denen Du mit Max im Herzen verweilen wirst.

Fehlt Ihnen ein Zeichen zur Anteilnahme? Tragen Sie Ihren Lichtpunkt. Setzen Sie Ihr Zeichen!

Kommentare: 1
  • #1

    Daniela Scherf (Sonntag, 27 November 2016 07:18)

    Wie schön geschrieben. Ich habe Sie direkt vor mir gesehen. Und du machst das richtig und gehst deinen Weg