31. Dezember 2017


Ich will ihn sichtbar bei mir tragen

von Gabi Schroth

Die Journalistin Katrin Hartig veröffentlichte 2016 zusammen mit der Künstlerin Stefanie Oeft-Geffarth das Buch "trauertattoo - Unsere Haut als Gefühlslandschaft" - darin zu finden Fotografien und Gespräche mit Menschen, die sich ein Tattoo in Erinnerung an einen geliebten, verstorbenen Menschen haben stechen lassen. Es sind verwaiste Väter und Mütter unter ihnen, aber auch Geschwister und Freunde, die so ihrer Trauer einen künstlerischen Ausdruck verleihen. 

 

Überrascht waren die Autorinnen von der großen Resonanz auf ihren Aufruf nach Interviewpartner*innen für ihr Buch. Dass sich so viele Menschen mit einem Trauertattoo melden würden, hatten sie nicht erwartet. Das Tattoo - tatsächlich eine kontemporäre Ausdrucksform von Trauer? Ein bis dato wenig beachteter Weg, den Trauernde gehen, um mit ihrem Schmerz und ihrer Sehnsucht umzugehen, so scheint es. 

 

Eine Geschichte, die in "trauertattoo" ihren Platz gefunden hat, ist die von Gabriele Schroth aus Leipzig. Die 54-Jährige ist Mutter von zwei Söhnen. Ihr ältester Sohn Martin starb 2009 an einer Herzkrankheit. Für Gabriele Schroth war es eine Freude beim Projekt mit zumachen. Warum? 

"Weil es wieder eine Sache ist, die mit Martin zu tun hat. Auch weil das Umfeld inzwischen alles vergessen hat. Aber ich sage, Hallo, hier ist noch was! Ich kann anderen Menschen damit zeigen, dass es noch viele Menschen gibt, die trauern. Und ich will zeigen, dass man mit Trauer anders umgehen kann. Und dass Trauer nicht nach 1-2 Jahren vergessen ist, dass Trauer immer da ist."

 

Um Tätowierungen kreisen viele Klischees und Vorurteile. Eine Zeit lang galten sie als schick, dann wieder nur bestimmten Personengruppen vorbehalten. Auch Gabriele Schroth dachte zunächst, dass ein Tattoo für sie nie infrage kommen würde. Doch nach dem Tod ihres Sohnes war Vieles anders, auch der Blickwinkel auf die Kunst auf der Haut veränderten sich.

"Nach Martins Tod hatte ich viele verrückte Ideen. Und habe sie fast alle umgesetzt. Ich sah ein Tattoo dann bei dieser Frau und dachte sofort, Ja, das wäre etwas für mich. Dass ich meinen Martin sichtbar bei mir habe. Bis dahin hatte ich ihn schon immer unsichtbar bei mir im Herzen, aber ich wollte ihn auch bei mir sichtbar tragen, wenn ich durch die Straßen laufe. Dass andere ihn auch sehen und gucken, egal, ob sie wissen, was es ist, er aber dadurch sichtbar wird."

 

Aus der Entscheidung für ein Tattoo wuchsen langsam konkrete Ideen für seine Gestaltung. Gabriele Schroth entschied sich für ein natürliches Porträt ihres Sohnes Martin in schwarz-weiß, aber auch ihr jüngerer Sohn sollte einen Platz neben seinem Bruder finden.

"Ich habe früher schon immer viele Fotos gemacht und hatte mir dieses Urlaubsfoto rausgesucht. Er mit der Mütze. Er hat solche Schirmmützen immer getragen. Sie gehörten dazu. Er lächelte darauf so schön. Es war der letzte gemeinsam verbrachte Urlaub. [...] Und dann hatte ich mir auf dem Papier zwei Rosen als Herz gezeichnet. In der Mitte sollte ein Kreuz mit dem Namen der Kinder sein. Das war meine Idee. Rosen sind meine Lieblingsblumen. Rot steht für unsere Liebe. Die Tropfen sind Tränen, die wir schon geweint haben. Das Kreuz soll zeigen, dass ich nach dem Tod meines Sohnes Martin, heute ohne Max nicht hier sitzen würde. Er ist eine Art Retter für mich. Er hat mich am Leben gehalten."

 

Die Reaktionen auf ihr Tattoo waren bis auf wenige Ausnahmen positiv und neugierig. Gabriele Schroth freut sich, wenn sie darüber ins Gespräch kommt und Martin wieder Teil der Konversation ist. Eine Begegnung auf einer Schiffsreise bleibt ihr in besonderer Erinnerung. 

"Ich bin morgens früh aufgestanden und dann aufs Deck gegangen und habe den Morgen dort genossen. Da kam ein älterer Herr, der auch jeden Morgen dort herum lief. Irgendwann sprach er mich an. Und wir kamen auf die Kinder fast automatisch zu sprechen, und er sagte irgendwann, Wir haben einen Sohn verloren. Und ich erwiderte dann, Was denken Sie, warum ich dieses Gesicht hier auf meinem Arm habe? Er antwortete darauf, Da sieht man mal, was man für Vorurteile hat. Ich hatte eigentlich so gedacht: Wie kann eine so eine junge, hübsche Frau, sich so ein Tattoo auf den Arm machen lassen? (...) Wir lächelten uns dann immer wieder an, wenn wir uns begegneten und zwischen uns war so ein wortloses Band."

 

Vielleicht kann die Reaktion des älteren Mannes uns ein Vorbild sein. Für Gabriele Schroth ist sie ganz klar eine Motivation, ihr Tattoo auch öffentlich zur Schau zu stellen. 

 

 

"Ich will anderen Menschen helfen, sich von den Vorurteilen zu verabschieden. Ich will zeigen, dass bei den meisten etwas dahinter steckt, dass es einen Grund gibt, warum sie sich ein Tattoo stechen lassen. Ich will, dass Menschen anders mit Trauernden umgehen. Unsere Trauerkultur ist eine Katastrophe. Das soll sich ändern, weil es so häufig passiert, dass junge Leute sterben. Heute wird vieles so schnell abgehakt. Und man soll schnell funktionieren. Ich möchte mehr Verständnis für diese Menschen."

Interview: Katrin Hartig

Text: Anne Scheschonk

Fotos: Stefanie Oeft-Geffarth

Aus dem Buch "trauertattoo - Unsere Haut als Gefühlslandschaft" (2016) ist auch eine gleichnamige Wanderausstellung entstanden.

Fehlt Ihnen ein Zeichen zur Anteilnahme? Tragen Sie Ihren Lichtpunkt. Setzen Sie Ihr Zeichen!

Kommentare: 0