26. Dezember 2016


Das Zimmer meines Kindes: JANA

von Katja Gieseler

Am 31.08.2013 habe ich die Liebe meines Lebens geheiratet. Er war zwar nicht der Vater meiner Tochter Jana, aber die beiden haben sich sehr geliebt.

 

Damals war ich als kaufmännische Angestellte voll berufstätig, doch endlich wollte ich nur noch halbtags arbeiten gehen, endlich mehr Zeit mit meinem einzigen Kind verbringen. Jana und ich waren acht Jahre alleine und auf uns gestellt. Da musste das Kind schon sehr früh erwachsener werden als andere, und das hat sie so toll gemeistert. Aber jetzt sollte sie endlich eine "richtige" Familie haben – mit Onkeln, Tanten und Cousins. So sind wir in den schönsten Tag des Lebens gestartet.

 

Abends haben wir bei uns im Hof groß gefeiert. Alle Freunde, Verwandten und Bekannten waren da. Zwischen 2:00 – 2:30 Uhr wurde es leer, alle wollten nach Hause. Es waren noch etwa 10-15 Personen da. Meine Freundin hatte schon für sich, ihren Lebensgefährten und die zwei Kinder ein Taxi bestellt. Um die Wartezeit zu verkürzen, haben die beiden mit Jana und ihrer Freundin noch Ball gespielt.

 

Mit einem Mal gab es einen ohrenbetäubenden Knall, Stille und dann nochmal einen Knall … Ich werde dieses Geräusch nie mehr vergessen. In dem Moment kam auch schon der Sohn meiner Freundin und rief: "Holt schnell einen Krankenwagen, Jana ist überfahren worden!"

 

Als wir auf die Straße kamen, war es totenstill. Kein schreiendes Kind, kein Auto … nichts! Dann sah ich ca. 50 m weiter etwas Kleines im Rinnstein liegen – das war meine hübsche, lebenslustige 13-jährige Jana. Hier möchte ich abkürzen. Sie haben zwei Stunden um Jana gekämpft und sie um 4:20 Uhr für tot erklärt. Ich bin in einen Schock gefallen, aus dem ich immer noch nicht ganz raus bin und das drei Jahre später.

 

Janas Zimmer hatte zu diesem Zeitpunkt soviel LEBEN in sich. Da war sie für mich da, greifbar – sie muss ja gleich wieder kommen! Ihre Sachen sind ja alle noch da. Ihre Stofftiere warten doch auf sie. Die Schulbücher für das neue Jahr sind doch schon gekauft, sie muss doch einfach wieder kommen. Alles riecht nach ihr!

 

Drei Wochen später kam ich in eine Akutklinik, nur um zu überleben. In der Zeit hat mein Mann das Haus zum Verkauf angeboten. Er konnte es gar nicht ertragen, dort weiter zu leben. Dabei war es sein Elternhaus, in dem er bereits 50 Jahre gelebt hatte. Aber ich wollte es nicht verkaufen – das fühlte sich nach Verrat an Jana an. Weil sie nicht da ist, gehen wir weg? Das konnte nicht sein … Aber auch Therapeuten fanden es eine gute Idee, da der Unfallverursacher jeden Tag mit dem Unfallwagen bei uns vorbei fuhr. Also haben wir im April 2014 unsere Sachen gepackt und sind weggezogen. Janas Zimmer auszuräumen war das Schwerste,  was ich je gemacht habe. Ich hatte so eine Angst, dass sie nicht mit mir kommt.

Aber wir haben Jana ein Zimmer in unserem neuen Haus zurecht gemacht: mit ihrem Bett, ihrer Bettwäsche (ich schaffe es nicht, sie zu wechseln), ihren Stofftieren und allem, was ihr sonst noch so wichtig war. Über ihrem Bett sind zwei Regale, auf denen ihre geliebten Nagellacke, Lieblingsbücher und Uhren in allen möglichen Farben stehen. Über dem Fußende ist ein langes Regal angebracht, auf dem ihre Schalke-Sachen und ihre Handtasche stehen. In der Tasche ist noch alles drin, was sie mit hatte, inkl. Geld und Ausweis. Auf dem Bett stehen ihre Stofftiere, so wie ich es immer gemacht habe (außer den beiden, die Jana mitgenommen hat). Vor dem Bett stehen ihre Schuhe. Auf dem Nachttisch steht ihre Lampe und ihr Wecker, daneben liegen ihre Ehrenurkunden, die sie beim Sport erhalten hat. Ein Gegenstand ist neu: Gegenüber steht eine Truhe. Mit der Therapeutin habe ich besprochen, dass da alle wichtigen Anziehsachen von Jana rein kommen – auch die Sachen, die sie bei dem Unfall an hatte, eingepackt, wie wir sie von der Staatsanwalt zurück bekommen haben. Obendrauf stehen ihre ersten kleinen Schühchen und Stiefelchen. Darüber hängt ein riesiger Bilderrahmen, den Jana mit all den wichtigen Bildern bestückt hat – der  ist sehr wichtig für mich!

In dem Zimmer steht noch ein Schrank, da sind Bettwäsche und Handtücher drin. Daran hängen ihre Jacken und ihr Bademantel. Auf der kleinen Fensterbank steht ihr Schmuckkästchen, auf der großen Fensterbank stehen wertvolle Steiff-Bären und ein Licht, das immer brennt … Nur das Zimmer neu zu streichen oder neu zu dekorieren, schaffe ich immer noch nicht. Was würde ihr wohl gefallen? Welche Farben? Erwachsen oder noch etwas verspielt? Fragen über Fragen … 

Aber ich warte ja immer noch auf Jana, und wenn sie doch wieder kommt, dann hat sie ihr Zimmer und sie sieht, dass wir auf sie gewartet haben. So ist auch das Gefühl, wenn ich in dem Zimmer bin oder auf ihrem Bett liege: Ich warte, dass sie nach Hause kommt. Ich denke, daran wird sich auch nie etwas ändern!!!

 

Ich bin seit dem Tag des Unfalls eine gebrochene Frau! Nur die Liebe von meinem Mann hält mich hier noch!!! Und wer weiß: Vielleicht kommt Jana ja doch zu mir zurück?

 

Katja Gieseler (47) wohnt mit ihrem Ehemann in der Nähe von Siegen. 

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Kommentare: 6
  • #6

    Anastasia (Mittwoch, 29 März 2017 01:20)

    Auch wenn ich Jana nie kennengelernt habe, sie nur ein mal mit einer Freundin gesehen habe, denke ich so oft an sie. Ich weiß noch genau wie ich damals davon erfahren habe, ich war im Urlaub. Genießen konnte ich den Urlaub ab da nicht mehr wirklich. So oft schaue ich mir Bilder von ihr an. Auch wenn ich nie mit ihr zutun hatte, lässt mich das nicht los. Es kommt mir so unglaubwürdig vor, dass so ein junges Leben wegen einem Vorfall für immer beendet ist. Und wenn ich, eine völlig unabhängige Person so oft daran denke und sogar weine, will ich nicht wissen wie tatsächliche Angehörige sich fühlen. Aber die Liebe die ihr beide, du Katja und Jana in euch tragt, wird euch wieder zusammenführen. Ihr werdet euch so viel zu erzählen haben wenn ihr euch wieder seht. Und vielleicht darf ich sie ja auch kennenlernen wenn ich eines Tages da oben bin.

  • #5

    Sandra Heinz (Freitag, 30 Dezember 2016 09:00)

    Es tut mir so unendlich leid,ich finde es gut,so wie du,ihr es macht!!Feste Umarmung,viel Kraft für diesen Weg im Leben !!

  • #4

    Ute Schlemper (Donnerstag, 29 Dezember 2016 21:56)

    Liebe Katja,
    wenn ich an diese verhängnisvolle Nacht zurückdenke, oder auch der tägliche Blick aus dem Fenster versetzt mir jedesmal einen Stich ins Herz. Ich kann mir den Schmerz mein Kind zu verlieren nicht vorstellen. Es muss fürchterlich sein.Leider habe ich Jana niemals kennengelernt, aber von allem was ich las oder hörte war sie sicherlich ein wunderbarer Mensch. Euer Verlust tut mir unendlich leid. Es freut mich allerdings, dass eure Liebe standhält und ich wünsche euch von Herzen alles Liebe und Gute für die Zukunft und vor allem Kraft immer weiterzumachen.
    Alles Liebe
    eure ehemalige Nachbarin
    Ute

  • #3

    Martina (Donnerstag, 29 Dezember 2016 11:43)

    Liebe Katja
    Den Schmerz das Gefühl Jana nicht mehr in Arm zu halten ist das schlimmste was einer Mama passieren kann !
    Jana ist jeden Tag bei dir und ihr werdet euch mit Sicherheit wieder in den Armen halten dann wenn es sein soll
    Solange wünsche ich dir alle Kraft für jeden Tag

    Alles liebe Martina

  • #2

    Christina (Donnerstag, 29 Dezember 2016 10:08)

    Tränen laufen über mein Gesicht....jedesma!!! Ich kannte euch nicht, und doch fühle ich so sehr mit Euch mit! Jana, Sie wäre so stolz auf diese Familie....NEIN...Sie ist es!!! Dieses wundervolle Mädchen dass Alle in Ihren Bann zieht, Sie ist nicht wirklich weit weg,Sie ist nur schon mal vorausgegangen um die Welt dort "oben" mit Ihrem Lachen bunter und lustiger werden zu lassen!

  • #1

    Anke (Donnerstag, 29 Dezember 2016 09:17)

    Meine liebe Katja,

    der Tod nimmt uns die Menschen, aber niemals die Erinnerung und die schönen Erlebnisse mit den von uns so geliebten Menschen.
    Ich wünsche Dir für das neue Jahr alle Kraft der Welt weiter durchzuhalten.