22. Dezember 2014


Wie sich Endgültigkeit anfühlt

von Nadja Salzberg

(Interview zum Thema "Abschied")

 

Teil 1: Die Nachricht flog durch den Raum, aber sie erreichte mich nicht

Es ist Sonntag, der 31.08.2008, der letzte Ferientag. Für viele ein Sonntag wie jeder andere – für uns nicht. Es ist 20 Uhr, meine Tochter und ich warten auf Max, wir wollen gemeinsam kochen und essen. Es ist 20:15 Uhr, der Tatort beginnt, ich schmiere mir Farbe auf meine Haare und setze mich vor den Fernseher. Wir warten noch immer auf Max. Es klingelt. Zwei Frauen von der Kripo stehen vor der Tür. Wir gehen in die Küche. „Ihr Sohn war/ist depressiv?“ Wir wissen nicht mehr, ob die Kripobeamtin in der Gegenwart oder der Vergangenheit fragte. 

Den Text fotografierte Max, weil er ihn so klasse fand und er passt verdammt gut zu ihm. USA im Sommer 2007
Den Text fotografierte Max, weil er ihn so klasse fand und er passt verdammt gut zu ihm. USA im Sommer 2007

Ich sah einen Zug vor meinem inneren Auge vorbeifahren. Was war geschehen? Mein Max sprang aus unserem Fenster in dem Zimmer, in dem noch immer der Tatort lief – wir wohnten in der 5. Etage. Meine Tochter, damals 19 Jahre, begann zu weinen, herzzerreißend zu schluchzen. Ich ging zu ihr, tröstete sie. Die Kripobeamtin meinte, ich könnte, wenn ich wollte, einen Schnaps trinken, das wäre okay, ich wollte das aber nicht. „Möchten Sie jemanden informieren?“ Ja, ich rief den Vater meiner Kinder an, bitte ihn vorbeizukommen. Ich sagte ihm nicht, warum. Ich war total kontrolliert und professionell am Telefon. Niemand hätte vermutet, warum ich anrief. Ich war noch immer in meiner funktionalen Welt und meinte: „Es ist jetzt ein wenig doof, aber ich denke, ich muss die Haarfarbe auswaschen, bevor mir meine Haare ausgehen.“ Dass ich in diesem Augenblick – zehn Minuten nachdem ich erfuhr, dass mein Kind tot ist – an meine Haare dachte, zeigt mir heute ganz klar, dass die Nachricht nicht angekommen war. Sie flog noch immer durch den Raum, hatte aber keinen Zugang zu mir. Ich war verschlossen und weigerte mich, sie aufzunehmen, sie anzunehmen. Ich ging ins Bad und brach, während ich über der Duschtasse hockte, zusammen und weinte, jammerte, schluchzte. Aber ich fing mich wieder, ich wollte für meine Tochter da sein, ich wollte nicht vor den Kripobeamten heulen. Warum? Das weiß ich nicht. Vielleicht weil ich das damals als Stärke ansah? 


Die Kripobeamtin klärte mit mir die Formalitäten. Der Abschiedsbrief, einige Papiere, welche die Kripo in Max’ Papierkorb fand, und auch seine Haustürschlüssel lagen bei der Polizei auf zwei verschiedenen Wachen. Sie gaben mir eine Nummer: die Vorgangsnummer. Meine spontane Antwort: „Jetzt ist mein Sohn nur noch eine Nummer.“ 

Der Vater meiner Kinder kam. Eine Kripobeamtin überbrachte ihm auf unseren Wunsch hin die Nachricht. Danach verließen sie uns. Es waren zwei Kripobeamtinnen, die ich für sehr taff halte. Eine sprach und agierte, die andere war still im Hintergrund. Ich habe später versucht herauszubekommen, wer die beiden Frauen sind. Ich wollte ein Gespräch, ich wollte mich bedanken, aber ich bekam keine Auskunft. Ich denke, dass sie geschützt werden sollten, was ich gut verstehen kann. Für mich ist das aber sehr schade.

Ein Sonnenuntergang - fotografiert von Max in Wisconsin im Sommer 2007. Max liebt Sonnenuntergänge.
Ein Sonnenuntergang - fotografiert von Max in Wisconsin im Sommer 2007. Max liebt Sonnenuntergänge.

Teil 2: Immer wenn ich die Augen schloss, sah ich Max springen ...

Die Kripobeamtinnen kehrten in ihre heile Welt zurück, wir blieben vor unserem Trümmerhaufen sitzen. Meine Tochter rief ihren Freund an, interessanterweise benutzte sie dieselben Worte wie ich beim Anruf ihres Vaters. Ihr Vater rief seine Freundin an, ich rief meinen Vater an. Mein Vater und seine Frau saßen im Auto. Die Vorstellung, solch einen Telefonanruf zu bekommen, während ich Auto fahre, empfinde ich als sehr gruselig.


Während wir auf den Freund meiner Tochter, die Freundin meines Exmannes und meinen Vater mit seiner Frau warteten, rief ich viele Freunde an. Ich meldete mich bei meinem Chef krank, rief meinen Exfreund an, mit dem mein Max sich wunderbar verstand, und wollte telefonisch die Musik für die Trauerfeier mit ihm besprechen. Aus heutiger Sicht ist dies sehr abgedreht, aber auch sehr typisch für mich. Ich versuchte ununterbrochen, meinen Freund in Kanada zu erreichen, er war unterwegs und ohne Handy. Wir hockten dann eine Weile zu siebent zusammen. Ich weiß nicht, worüber wir sprachen. Ich erinnere mich, dass meine Stiefmutter beim Gehen sagte: „Wir gehen jetzt zusammen, Paulas Vater und seine Freundin gehen zusammen, Paula hat ihren Freund und du bist ganz allein.“ 


Paula und ihr Freund wollten sich schlafen legen, ich kam nicht zur Ruhe. Immer wieder versuchte ich meinen Freund zu erreichen. Spät in der Nacht meldete sich mein Freund, endlich. Wir planten seinen Flug nach Deutschland. Es war inzwischen Montag – am Freitag würde er in Berlin landen. Die Nacht schien nicht zu Ende zu gehen, ich konnte mich nicht hinlegen, irgendetwas in mir wehrte sich. Ich war froh, als es endlich 6 Uhr war und ich es wagen konnte, eine Freundin anzurufen, die gleich um die Ecke wohnte. Sie kam sofort vorbei und kochte Tee. Ich rief in Max’ Schule an und vereinbarte einen Termin für den kommenden Tag. Diese Freundin würde mich begleiten. Ich erreichte den Bestatter – einen Schulfreund von mir. Ich plante. Endlich konnte ich wieder etwas tun! Sitzen und die Gefühle ertragen, die auf mich einschlugen, war für mich nicht auszuhalten. Ich wusste in dem Moment noch nicht, was ich noch alles zu lernen hatte. Wir erreichten telefonisch die Schwester meines Exmannes. Sie wollte uns auf dem Weg zur Familie und zum Bestatter begleiten. Wir waren komplett, Paulas Freund, er fuhr das Auto, Paula, ihr Vater, seine Freundin und ich. 


Den ersten Stopp machten wir in Kleinmachnow beim Großvater meiner Kinder. Es war für mich schwer aushaltbar, zu sehen, wie er schwankte, kreidebleich wurde und kurz davor war, zusammenzubrechen. Ich sorgte mich um die Menschen, denen ich die Nachricht vom Tod meines Kindes überbrachte – wann würde ich wohl beginnen, nach mir zu schauen?


Der zweite Stopp war in Teltow beim Bestatter. Für mich war es sehr angenehm, dass ich nicht irgendeiner, mir fremden Person gegenüber saß, mit der ich über die Bestattung meines Sohnes sprechen musste. Einige wichtige Punkte wollte ich klären. Erstens, den Termin. Ich wollte den 11.9. Ich empfand diesen Termin mehr als passend. Zweitens wollte ich, dass man Max’ Laptop in den Sarg legt – er hatte ihn beim Sprung dabei. Und drittens, dass Max in Kleinmachnow, meinem Heimatort bestattet werden würde, so nah wie nur möglich an dem Grab meiner Großeltern. Er liebte seine Urgroßeltern. Während wir über Blumen, Kränze, Särge sprachen, rief mich einer meiner besten Freunde zurück, endlich. Er lebt 700 km entfernt und entschied noch am Telefon am nächsten Tag in Berlin zu sein.


Der dritte Stopp brachte uns zu meiner Ex-Schwiegermutter, der Bilderbuchoma meiner Kinder. Sie saß in der Küche und sah uns durch den Garten gehend ins Haus kommen und wusste, wenn wir zusammen erscheinen, dann ist etwas Schlimmes passiert. Sie behielt leider Recht. 


Ich rief bei der Polizeiwache an, ich wollte den Abschiedsbrief von Max haben. Das Letzte, was er vermutlich geschrieben hat, vielleicht ein Hinweis, warum ...? Am anderen Ende der Telefonleitung war ein sehr grimmiger Mann, der meinte, ich könne vorbeikommen, aber erst am folgenden Tag. Ich habe keine Ahnung, welche Formalitäten zu erfüllen sind bevor ein Abschiedsbrief herausgeben werden kann. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass dies mehr als 24 Stunden Arbeitsaufwand sein kann. Ist es tatsächlich so, dass in diesem Fall nicht schnell gearbeitet werden  muss, denn er ist ja eh schon tot? Warum wird so mit den Gefühlen von Hinterbliebenen umgegangen? Ich verstand nach dem Telefonat die Welt nicht mehr, die sich eh um mich herum auflöste.


Auf dem Weg nach Hause hielten wir bei einem Arzt an, der meinen Exmann und mich krankschrieb. Auch an diese Formalitäten habe ich gedacht.


Letzte Station: unser Zuhause. Die Wohnung, die wir drei zusammen bewohnt hatten, die wir uns gemütlich gestalteten, wo wir glücklich waren, so dachte ich es immer. Ich spürte eine Hassliebe zu dieser Wohnung. Ich konnte nicht ohne sie und auch nicht in ihr. Ich wünschte, ich könnte mich vom Auto in die 5. Etage beamen. Ich wollte niemanden aus dem Haus treffen, ich hatte richtige Angst vor einer Konfrontation mit den Personen, die Max eventuell noch gesehen hatten. Ich traf niemanden und auch in den kommenden Tagen lief mir niemand über den Weg. Ich bedachte nicht, dass es den anderen Mietern wohl ähnlich ging und sie die Tür vor mir verschlossen. Von der Kripobeamtin wusste ich, welcher Nachbar Max gefunden hatte. Ich schlich an seiner Tür vorbei. Ich traute mich nicht zu klingeln, obwohl ich so verdammt neugierig war. Ich wollte alles von Max in mir aufsaugen, jedes kleinste Detail. Mir war sehr wohl bewusst, dass es das Letzte war, was mir noch blieb. Dass es heute und morgen und in der Zukunft nie wieder Neuigkeiten von oder über Max geben würde. Und sei der Bericht des Nachbars noch so schrecklich – er fand ihn nach dem Sprung aus dem 5. Stock – es waren für mich wichtige Informationen. Es ist mein Kind, das er fand, mein Sohn, mein Schatz ... Und trotzdem konnte ich nicht mit diesem Nachbar sprechen - noch nicht ...


Oben in der 5. Etage angekommen, brach Paula auf der Treppe zusammen. Sie wollte nicht mehr in unsere Wohnung.


Ich war zu erschöpft, um irgendetwas zu unternehmen. Ich registrierte viele Anrufe auf dem Abrufbeantworter und legte mich auf mein Bett. Ich kam nicht zur Ruhe. Jedes Mal, wenn ich am Einschlafen war, sah ich Max’ Gesicht, sah das offene Fenster, sah Max springen ...


Alle Freunde um Paula herum haben entschieden, sie nicht allein zu lassen. Wenn ihr Freund nicht bei ihr war, dann war mindestens eine Freundin bei ihr. Noch heute kommen mir die Tränen, wenn ich daran denke, wie lieb und vorsorglich alle mit meiner Tochter umgegangen sind.


Da ich nicht schlafen konnte, wollte ich Klarheit darüber, was Max anzieht, was in seinem Sarg liegen wird ... Am nächsten Morgen waren die Bilder für mich komplett. Zufrieden rief ich meinen Vater an. Was mir Zufriedenheit gab, weil ich etwas Wichtiges klären konnte, warf ihn um. Ich erreichte ihn auf der Autobahn und wie ich später erfuhr, musste er anhalten, weil es ihm so richtig schlecht ging, mein armer Papa.


Dienstag Morgen - ich war allein in der Wohnung, P. war zur Schule gegangen. Eine Freundin wollte kommen und mich abholen. Ich sollte aufstehen, ich konnte nicht. Mir wurde bewusst, dass ich Angst davor hatte, mich allein in meiner Wohnung zu bewegen. Ich blieb im Bett, bis sie klingelte und durch ihre Anwesenheit fühlte ich mich sicher genug, mein Bett zu verlassen und duschen zu gehen. Am Waschbecken brach ich erneut zusammen. Max’ Barthaare lagen dort, er hatte sich wohl noch den Bart ordentlich geschnitten. 


Wir fuhren zur Schule. Drei Lehrer trafen sich mit uns. Ich hörte zum ersten Mal, dass Max das Schuljahr nicht geschafft hatte, dass er auch nicht mehr auf der Schule hätte bleiben dürfen. Max war über 18 Jahre alt. Laut Gesetz dürfen die Lehrer mir keine Auskunft mehr geben und trotzdem hatte die Lehrerin auf unseren Anrufbeantworter gesprochen. Mich erreichten jedoch keine Nachrichten. Max war schon lange nicht mehr in der Schule gewesen. Ich hatte davon nichts mitbekommen. Ich saugte alle Informationen in mich auf, sie blieben auch irgendwo auf meiner Festplatte hängen, aber ich war nicht dazu in der Lage, sie zu verarbeiten – es war alles zu viel.


Wir fuhren von der Schule zu der Polizeiwache, wo Max’ Abschiedsbrief und Papiere lagen. Ich meldete mich an und wurde in einen großen Warteraum verwiesen. Ein Bearbeiter kam herein und begann, mich nach Max auszufragen. Ich fragte ihn, ob es denn nicht möglich sei, das Gespräch abseits von so vielen fremden Personen zu führen. Ich war geschockt, wie pietätlos sich Menschen verhalten können. Eine gefühlte Ewigkeit später kam der Sachbearbeiter mit einem Aktenordner, Papieren und einem Stift in der Hand zu mir. Es war so offensichtlich, dass er alles vor Ort erledigen wollte. Er fragte mich, ob ich wohl in sein Büro mag oder ob wir das hier „hinter uns bringen könnten“. Ich reagierte sehr aufgewühlt und vermutlich auch zickig. Meine Freundin, sie ist die ruhigste Person, die ich kenne, fuhr ihn in einem sehr barschen Ton an, ob er denn so gar kein Fingerspitzengefühl für die Situation hätte. Sein Gesicht lief rot an und er war sichtlich froh, als wir dann gingen. Ich frage mich, wovor diese Menschen Angst haben? Warum ist das Thema Tod immer noch ein Tabuthema im Allgemeinen und der Suizid im Speziellen? 

Wir hatten den Abschiedsbrief. Wir gingen in ein Café und lasen Max’ letzte Worte.


Auf der zweiten Polizeiwache wollte ich Max’ Schlüssel abholen. Ein Beamter kam auf den Flur und noch bevor ich einen Fuß in sein Büro setzen konnte, schloss er die Tür. Schon wieder hatte ich das Gefühl, eine ansteckende Krankheit zu haben. Wir wurden zur Anmeldung verwiesen. Die dort arbeitenden Beamten waren beschäftigt: Sie spielten am Computer. Ich bekam den Schlüssel ausgehändigt und zum zweiten Mal an diesem Tag erlebte ich meine Freundin von einer ganz anderen Seite. In einem barschen Ton fragte sie den Beamten, ob er denn nicht einmal „Herzliches Beileid“ sagen könnte. Vollkommen irritiert antwortete dieser, dass er angenommen hatte, dass dies seine Kollegen schon getan hätten. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte ich schmunzeln.


Auf dem Weg zu meiner Wohnung rief mich der Bestatter an und empfahl mir, nicht mehr zu Max zu gehen. Ich wusste nicht, bin ich traurig oder froh über seine Empfehlung? Ich fühlte mich vollkommen leer. Ich wünschte mir, dass es jemanden gäbe, der mir diese Entscheidung abnimmt und mich führt. Diesen Menschen konnte es aber nicht geben, nicht in diesem Punkt. Ich bin der Empfehlung gefolgt, was im Nachhinein betrachtet für mich und meinen Trauerweg ein großer Fehler war.


In meiner Wohnung angekommen, gingen wir in Max’ Zimmer und beäugten seinen Laptop, der sehr kaputt vom Sprung aus der 5. Etage war. Es klingelte. Mein wohl zu diesem Zeitpunkt bester Freund war da. Ich fühlte mich zum ersten Mal sehr erleichtert und hoffte sehr, dass er Entscheidungen übernehmen würde. 


Am Abend kamen zwei Freunde. Sie ging in die Küche und begann zu kochen. Noch heute bin ich dafür sehr, sehr, dankbar. Ohne ein Wort zu sagen, kochte und kochte und kochte sie, leichte Kost, die super lecker war, wenn mir auch überhaupt nicht nach Essen zumute war. In einer Wohnung, in der es nach Essen riecht, wird gelebt. Sie ließ unsere Wohnung wieder leben. Wir fanden noch weitere Aufzeichnungen von Max und versuchten alle gemeinsam diese zu entschlüsseln.


Ich hatte einen Wunsch: Ich wollte wissen, was auf Max’ Festplatte war, womit er sich am Ende beschäftigt, welche Internetseiten er aufgesucht hatte. Ich war fest davon überzeugt, dass er seinen Suizid nicht komplett allein geplant hatte. Mittlerweile setzten sich einige Puzzleteile zusammen. Es würden noch mehrere hinzukommen in den nächsten Tagen, Wochen. Dieses „W A R U M???“ schwelt über mir, es begleitet mich Sekunde für Sekunde, es zerreißt mich, es macht mich hilflos.


Mittwoch, ein neuer Tag. Wir waren auf der Suche nach einer Computerwerkstatt. Nachdem wir schon einige Absagen bekommen hatten, erreichte mich meine Mutter. Sie war verreist und hatte ihr Handy vergessen. Ich erzählte ihr vom Tod meines Sohnes, ihres Enkels. Sie schrie am Telefon, wir entschlossen uns, hinzufahren. Ich hatte schon seit längerem keinen Kontakt mehr zu ihr. Dort angekommen, war sie allein – ihr Mann ging, nachdem er die Nachricht von Max’ Tod hörte und ließ sie allein. Sie klammerte sich an mich und wollte von mir Trost. Ich hielt es nicht aus: Ich, die Trost brauchte, die getragen werden musste, soll trösten? Welch groteske Vorstellung. 


Am Abend kamen zwei liebe Freundinnen von mir, wir kennen uns schon mehr als 30 Jahre. Meine Cousine kam auch und stellte fest: „Max hat es geschafft.“ Die Worte prägten sich in mir ein, so richtig verstanden habe ich sie erst später nach ihrem ersten missglückten Suizidversuch. Es klingelte. Der Nachbar, der Max fand, stand in der Tür. Ich zog mich mit ihm in Max’ Zimmer zurück. Ich wollte alles wissen, alles hören, am Liebsten auch sehen und fühlen. Er war einer der letzten, die Max gesehen haben. Seine bildhafte Beschreibung verfolgt mich noch heute ab und an in der Nacht. Der Nachbar verließ unsere Wohnung, ich war erschöpft. Das Telefon klingelte. Ein Mitschüler von Max, ein Freund, war am Telefon. Er beschrieb mir die letzten Wochen vor den großen Ferien, er beschrieb die Zeit zwischen Mai und August. In der Schule erfuhr ich, dass Max nicht mehr zur Schule gegangen war, von ihm erfuhr ich, WARUM. Max und er wurden beide gemobbt und dies war in der Schule bekannt. Ein weiteres Puzzleteil lag vor mir, in mir zersprang es, es zerriss es mich. W A R U M wusste ich das nicht? W A R U M habe ich das nicht gemerkt? W A R U M konnte ich nicht helfen? W A R U M konnte ich nicht verhindern, was geschah?


Donnerstag Morgen - ich fand eine Computerbude und hoffte sehr, dass sie die Festplatte des Laptops wieder herstellen können. Sie gaben sich optimistisch. Am Nachmittag fuhren wir in mein Büro. Die Grafikerin hatte ein Foto von Max bearbeitet, ich wollte es während der Trauerfeier aufstellen. Anschließend ging es zu meinem Exfreund, er borgte mir sein Auto. Ich überführte das Auto zu mir, es war mit Abstand das Gefährlichste, was ich in meinem Leben tat. Ich bekam während der Fahrt überhaupt nichts. Am Abend waren Paula und ich bei ihrem Vater, wir wollten die Trauerfeier besprechen. Wir konnten uns nicht einigen, wir verschoben das Thema.


Endlich Freitag - wir fuhren zum Flughafen und holten meinen Freund ab. In der kommenden Woche waren überwiegend organisatorische Dinge zu erledigen. Ich gab die Sachen, die Max anziehen und die er auf seine letzte Reise mitnehmen sollte, in eine Reinigung. Sie wurden nicht rechtzeitig fertig. Vollkommen verzweifelt schrie ich die Frau hinter dem Tresen an, es seien die Sachen meines verstorbenen Kindes und er bräuchte sie doch im Sarg. Große, ängstliche Augen starrten zurück, ich bekam die Adresse der Reinigung, wir holten die Sachen dort ab. Den Laptop holten wir auch wieder ab, die Firma war nicht dazu in der Lage, die Festplatte wiederherzustellen und mir war es wichtig, dass Max seinen geliebten Laptop mitbekommt, er ist mit ihm gesprungen. Mir sagte dies, dass er ihn bei sich haben wollte.


Mittwoch Nacht – die letzte Nacht vor der Beerdigung - ich kann nicht schlafen, wir sitzen im Bett und schauen Fotoalben. Fotos meiner Kinder, Fotos von Max. Wir werden Max’ Fotoalbum während der Trauerfeier auslegen, das Fotoalbum, was ich ihm zu seinem 18. Geburtstag schenkte - 18 Jahre Max.

Teil 3: Abschied - nine eleven

Ich organisierte und entschied, wir hatten keine Todesanzeige. Meine Tochter und ich suchten den Sarg aus. Mir war nur wichtig, was ich Max mitgebe. Die Gestaltung der Trauerfeier planten Paula und ich. 


An einem Vormittag fuhren wir zu einem Trauerredner. Meine erste Idee war, dass nichts gesagt wird, dass Musik gespielt wird, all das was Max mochte. Er liebte Queen und die Rolling Stones, genauso wie Beethoven und Bach oder auch die Toten Hosen. Es wäre ein vollkommenes Durcheinander an Musik gewesen, so durcheinander wie auch er war. Und ich war ebenso, als mir diese Idee kam. So ließ ich mir einen Trauerredner empfehlen, da ich jemanden brauchte, der die Musik abspielen sollte und wir suchten ihn auf. Bereits fünf Minuten nach unserer Ankunft stand ich auf und wollte wieder gehen. Der Trauerredner meinte, er müsste über Max reden, viel reden, ich wollte das aber nicht. Wir einigten uns tatsächlich und er versprach mir, sich an die Abmachungen zu halten.


Die Trauerfeier war am 11. September 2008 – ein passenderes Datum gab es für mich nicht. Ich kann und will nicht wirklich viel zur Trauerfeier schreiben. Sie war gelungen, es fand genauso statt, wie ich es wollte, nur ich war irgendwie nicht anwesend. Es rauschte an mir vorbei, mir war ganz sicher nicht bewusst, dass es mein Kind war, was zu Grabe getragen wurde. Warum? Ich hatte mich nicht von ihm verabschiedet. Mir wurde auch in den folgenden Tagen, Wochen, Monaten immer klarer, dass es ein Irrtum sein musste, dass es nicht mein Kind war, was in diesem Loch da auf dem Friedhof lag. Es sollte noch fast ein ganzes Jahr dauern, bis es ganz langsam begann, dass sich der Tod meines Kindes in mein Leben integrierte.

Teil 4: Ich spürte, wie sich Endgültigkeit anfühlt

Am Tag nach der Trauerfeier begann ich, eine neue Wohnung für meine Paula und mich zu suchen. Paula konnte und wollte nicht mehr in der alten Wohnung wohnen. Sie zog vorübergehend zu ihrem Freund. Ich hatte fünf Werktage, bevor ich meinem Freund nach Kanada folgte. Es sollte ein wunderschöner, vierwöchiger Urlaub werden – das erste Wiedersehen mit meinem Freund nach 3,5 Monaten ...

Und tatsächlich schafften wir es in dieser Zeit, eine Wohnung zu finden, diese zu besichtigen, den Mietvertrag zu unterschreiben und die Umzugskartons zu organisieren. Ich bewegte mich in meinem Organisationsaktionismus, es gab keine Gefühle, die ich an mich heranließ, ich funktionierte. Eine Woche später saß ich im Flieger nach Kanada. 


Ich hatte verdammt viel Zeit in Kanada. Viele Tage war ich tagsüber allein. Meine Gedanken, meine Gefühle erschlugen mich. Ich spürte, wie sich Endgültigkeit anfühlt, mir wurde bewusst, dass es nicht wirklich viele Dinge gibt, die tatsächlich endgültig sind, dass dieses Wort meist missbraucht wird. Ich wollte verstehen, warum Max diesen Weg gegangen ist. Ich wollte es begreifen. Ich bin ein Kopfmensch, ich MUSS ALLES verstehen. Es ist mir bis heute nicht gelungen, zu verstehen. Ich denke, es geht auch nicht, es ist mir aber gelungen, es anzunehmen und zu leben. Heute ist mein Kind immer bei mir, oft intensiver als zu der Zeit, in der wir täglich beisammen waren. Ich habe gelernt, begriffen, gefühlt, mir ist bewusst geworden, dass Leben innerhalb von Sekunden beendet sein kann. Heute ist mir sehr wichtig, dass ich jeden Tag im Einverständnis mit mir und meiner Umwelt beende, denn ich weiß nicht, was morgen ist, ob es ein Morgen geben wird.


Ich hätte mir gewünscht, einfach angenommen zu werden von meinen Freunden, meiner Familie so wie ich bin. Heute weiß ich, dass alle meine Lieben es gut mit mir meinten, wenn sie mir nahe legten, noch nicht arbeiten zu gehen oder unbedingt arbeiten zu gehen, um mich abzulenken. Ich fühlte mich entmündigt. Ich bin innerhalb kürzester Zeit unglaublich empfindlich geworden, zu schnell für meine Umgebung, sie kamen mit meiner Veränderung erst einmal nicht klar. Es gab nur zwei Personen, die mich fragten, was ich denn will, mir das Gefühl gaben, ich bin wichtig, ich kann entscheiden. Ganz oft war es tatsächlich so, dass ich nichts entscheiden konnte und in allem überfordert war, aber dies wollte ich nicht gesagt bekommen, ich merkte es nicht und hätte es sicher auch nicht geglaubt. 


Für mich war es rückblickend der größte Fehler, den ich je begangen habe, mich nicht von meinem Kind zu verabschieden, ihn nicht noch einmal gesehen zu haben, ihn nicht noch einmal berührt zu haben, ihn nicht noch einmal geknuddelt und geknutscht zu haben. Ich fühle mich an Max’ Tod nicht schuldig, aber ich habe sehr große Schwierigkeiten mir zu verzeihen, dass ich diesen Weg gegangen bin und nicht noch einmal bei ihm war. Mit meinem heutigen Wissen wäre mir das nicht passiert, ich hätte gewusst, was ich alles darf, was möglich ist.

Es gibt ihn nicht, den Kurs „Hilfe, das Kind meines ... ist tot, was kann ich tun?“ Das wäre sehr hilfreich. Wenn die Kripobeamten einen Flyer mit Adressen von verwaisten Gruppen hinterlassen hätten, auch das wäre unterstützend gewesen. Ich hätte mich sehr gut betreut gefunden, wenn mir jemand den Flyer „Hilfe beim Tod eines Kindes“ (http://todeineskindes.blogspot.de) gegeben hätte, den kann ich jedem empfehlen.

 

Ich habe mich verändert, ich bin feinfühliger und aufmerksamer geworden, ich nehme all die kleinen „selbstverständlichen“ Dinge ganz anders wahr. Es dauerte seine Zeit, bis ich mich in meinem neuen Leben zurechtfand, dem Leben, was ich nie so wollte, in welches ich herein katapultiert wurde. Noch immer will ich dieses Leben so nicht, doch ich weiß sehr wohl, dass ich es nicht ändern kann und dass ich nur eine Chance auf ein glückliches und zufriedenes Leben habe, wenn ich dieses neue Leben annehme. Und ich möchte glücklich sein, Glück empfinden und leben. 

Nadja Salzberg (46) lebt seit September 2010 in Kanada. „Ein großer Schritt in meiner Trauerarbeit sind das Schreiben eines Kapitels in dem Buch „Voll doof tot zu sein, wenn alle traurig sind“, in dem verwaiste Eltern über die Zeichen ihrer verstorbenen Kinder schreiben. Das Schreiben dieses Textes hat mich in meiner Trauerarbeit vorwärts gebracht. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Nadja Salzberg für ihre offenen Worte und schicken ihr einen Lichtpunkt nach Kanada, wo er für Max leuchten soll.


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